Empedokles, Hölderlin und die schwanzlose Manxkatze?

von Peer Martiny

„Dort ist sein Garten! Dort im geheimen
Dunkel, wo die Quelle springt, dort stand er
jüngst, als ich vorüberging – du
hast ihn nie gesehn?“

Friedrich Hölderlin
Eingangszeilen Empedokles

Empedokles der um etwa 1586 seinen zweitausendsten Geburtstag feiern durfte gilt als Spender der vierteiligen Begrifflichkeit von Feuer, Erde, Luft und Wasser.

Im oblag es, lange vor unserer Zeit, allerdings am Erdalter gemessen, dann doch wieder vor recht kurzer Zeit, diese noch heute bemühte Begrifflichkeit unserem Alltag zu schenken. Wie kam er in diese Situation sich selbst solches zu erfinden? Ähnlich dem Leukippos, der in Epikur und später noch in Lukrez hineinmünden sollte. An dieser Stelle ist ein kurzer Dank an Poggio Bracciolini nicht unangebracht.

Ursache mag sein, dass er auf einer Insel lebte, die man als Sizilien kennt, nahe einer Stadt, die die Griechen Akragas nannten und heute als Agrigent benamt ist.

Abgeschlossen von allem Festlande, ohne regelmäßigen Fährverkehr, der viel- leicht Anschluß an die Welt bedeutet hätte, befand er sich gedankenquälerisch mit sich selbst in einem quasi ständigem und geheimen Gehirnzirkus über das Warum und Wieso dieser Welt und ihrer Bestandteile. Die befragten Götter antworteten ihm nicht, denn sie hatten weit wichtigeres zu tun als sich zu persönlichen Hausgottheiten zu degradieren. So schlich er um sich selbst, als sei er eine sich von außen betrachtende Stele, die er alsbald wohl auch anzubeten begann. Mißlich wie förderlich.

Mißlich weil der Geist darüber wirr werden kann und dies in unbotmäßige Selbstüberhöhung führt, sprich aus Mangel an Gott macht man sich selbst zu einem solchen. An diesem Punkte wird es anstrengend für ein sonst vielleicht milde gestimmtes Umfeld. Isolation, merke das Wort Isola, die Insel, ist in diesem Wort bereits enthalten, ist die Folge. Anmerkung: Wohl dem, der in seinem Rückenwinde einen Anteil Latein als Schubkraft weiß.

Isolation ist also die Folge einer solchen Entwicklung und die weitere Folge davon: noch mehr Gedanken.

Förderlich, weil in all dem Wahnsinn der dann entstehen kann, nicht muß, Brosamen für den Rest der Menschheit abfallen können, die wertvoll und verdaulich, und in deren Komplexität doch einfache Strukturen oder Einzelnes auf anschauliche Weise zu finden und zu verwerten sind, und diese dann auch Eingang in den Gedankenschatz der gesamten Menschheit zu finden wissen.

Möglich war all dies nur weil sich Empedokles, um den sich unser Hölderlin recht bemühte, zu sehen daran, dass er uns eine unfertige tragische Ode hinter- ließ, die auch durch seinen sein Tod, beim besten Willen, nicht zu einer Unvollendeten wurde.

Zu groß und zu klein, war diese Figur, um alle Gegensätze der Menschheit in ein wirksames und wirkmächtiges harmonisches, unteilbares Wesen zu zwingen. Auch hier der tragische, und natürlich vergebliche Versuch, ein einheitliches Ich schaffen zu wollen.

Gelänge uns dies, wäre es unser Ende.
Für Empedokles war dies egal. Für Hölderlin war dies ideal.
Aber beide befanden sich in einem Flaschenhalse der Philosophie, gleich der schwanzlosen Manxkatze, ebenfalls eine Inselbewohnerin, beheimatet in der rauhen irischen See auf, die sich in einem genetischen Flaschenhalse befand und befindet um zu eben jener zu werden die sie ist.

Zwei Flaschenhälse. Drei Flaschenhälse. Weiter nichts. Manxmal kommt es anders als man denkt.

„So mußte es geschehn.
So will es der Geist
Und die reifende Zeit,
Denn einmal bedurften
wir Blinden des Wunders.“

Friedrich Hölderlin
Ausgangszeilen Empedokles



Freiburg i.Br. Freitag 30. April 2021
Lottschesee i. Br.andenburg 30.05.2022

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